Rekordflut im Süden und Osten – Merkel verspricht Millionen-Hilfe

Die Flutwelle rollt Donau und Elbe hinab. Die Schäden in Süd- und Ostdeutschland und Nachbarländern sind enorm. Kanzlerin Merkel packt Sandsäcke an und verspricht Millionenhilfen.

Das Hochwasser hat neue Rekordstände in Süd- und Ostdeutschland erreicht – Passau erlebte in der Nacht zum Dienstag die höchste Donau-Flut seit mehr als 500 Jahren. Viele Orte standen unter Wasser, Helfer verstärkten Deiche und holten Bewohner aus den Überschwemmungsgebieten. Sobald sich die Lage an einer Stelle entspannte, verschärfte sich die Situation andernorts. Magdeburg und Regensburg riefen Katastrophenalarm aus. Europaweit starben mindestens 15 Menschen infolge der Unwetter.

Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) versprach den Flutopfern bei einem Besuch in den Hochwassergebieten mindestens 100 Millionen Euro für schnelle Hilfen. «Wir haben für so viele Dinge Geld, ich denke, gerade in dieser Notsituation werden wir auch Mittel und Wege finden, um den Menschen zu helfen», sagte die Kanzlerin in Pirna (Sachsen). Dabei erwartet Merkel eine Mitwirkung der Bundesländer. Bundespräsident Joachim Gauck dankte den Nothelfern.

DONAU: In Passau war der Pegelstand in der Nacht zum Dienstag nach Behördenangaben auf 12,89 Meter gestiegen. Das war die größte Flut seit dem Jahr 1501. Bei der Jahrhundertflut im Jahr 2002 wurden 12,20 Meter gemessen. Der Scheitelpunkt der Flut bewegte sich dann Richtung Österreich, Slowakei und Ungarn, wo weitere Schäden befürchtet wurden. Stadt und Landkreis Regensburg – an der Donau oberhalb von Passau – riefen Katastrophenalarm aus wegen steigender Wasserstände.

ELBE: In Sachsen-Anhalt und Niedersachsen wuchs die Furcht vor einer gewaltigen Elbe-Flut. Magdeburg erwartete nach Angaben der Stadt einen Pegelstand von 6,90 Metern und löste Katastrophenalarm aus. Normal seien knapp 2 Meter. Flussauf waren die Elbe und ihre Zuflüsse vielerorts schon über die Ufer getreten. Am Unterlauf der Elbe werden höhere Pegelstände erwartet als bei der Flut 2002: «Wir müssen uns auf eine sehr, sehr ernste Lage gefasst machen», sagte Niedersachsens Umweltminister Stefan Wenzel (Grüne).

ZUFLÜSSE: In Naumburg in Sachsen-Anhalt erreichte die Saale einen neuen Spitzen-Pegelstand von 6,44 Metern. In Halle kämpften Hunderte Einsatzkräfte und Soldaten um die Deiche an der Saale. «Die Dämme sind sehr aufgeweicht», sagte Oberbürgermeister Bernd Wiegand. Die Weiße Elster stieg bei Zeitz auf 6,45 Meter. Das war der höchste jemals dort gemessene Wert.

EVAKUIERUNGEN: In Bitterfeld-Wolfen sollten 10 000 Menschen ihre Wohnungen verlassen, weil ein See nach einem Deichbruch im sächsischen Löbnitz überzulaufen drohte. Der Chemiepark Bitterfeld mit mehreren tausend Arbeitsplätzen wurde nach Angaben einer Sprecherin mit einem zusätzlichen Damm gesichert. Geräumt wurden auch die Dörfer Sollnitz und Kleutsch an der Mulde bei Dessau-Roßlau. In Dresden, wo die Elbe vom normalen Pegelstand von 2 Metern auf 7,37 Meter anschwoll, wurden weitere Evakuierungen vorbereitet.

HILFEN: Merkel sagte den Flutopfern in Deutschland Soforthilfe vom Bund von zunächst 100 Millionen Euro zu. Das Geld soll aus den Haushalten mehrerer Ministerien kommen, darunter das Innen-, das Wirtschafts-, das Verkehrs- und das Landwirtschaftsressort. Das Finanzministerium koordiniert das. Derzeit wird verhandelt, wohin wie viel Geld fließen wird. Nach einem Hubschrauberflug über Passau sagte Merkel: «Wenn Bayern heute kommt und mehr Geld braucht, lassen wir mit uns reden.» Auch SPD-Kanzlerkandidat Peer Steinbrück sprach sich für staatliche Hilfen aus. Die EU will Deutschland, Österreich und Tschechien mit dem Europäischen Solidaritätsfonds helfen.

HELFER: Tausende Einsatzkräfte von Feuerwehr, Rettungsdiensten, Technischem Hilfswerk und Bundeswehr schütteten Dämme auf, füllten Sandsäcke, holten Flutopfer aus überschwemmten Orten und Häusern. Merkel ließ sich vor der Feuerwache in Pirna mit einem Sandsack in den Händen fotografieren, bevor sie Helfer in Greiz (Thüringen) traf. Bundespräsident Joachim Gauck sprach den Betroffenen Mut zu und dankte den Helfern. «Zusammen schaffen wir das!», sagte er nach Angaben des Präsidialamtes in Berlin. Viele Gemeinden und Organisationen haben Spendenkonten eingerichtet.

TODESOPFER: Deutschlandweit kamen im Hochwasser mindestens vier Menschen ums Leben. Bereits am Donnerstag war in Niedersachsen eine Radfahrerin ertrunken, die auf einer wegen Überflutung gesperrten Straße gestürzt war. In Baden-Württemberg verloren drei Menschen ihr Leben, unter ihnen ein Feuerwehrmann. In Tschechien fanden im Zusammenhang mit den Unwettern mindestens acht Menschen den Tod. Österreich beklagt zwei Fluttote, die Slowakei einen.

URSACHEN: Politiker und Experten diskutierten über mögliche Ursachen extremen Hochwassers. Solche Fluten ließen sich nie völlig vorhersagen, meinte der Hydrologe Maik Heistermann von der Uni Potsdam. Der Meteorologe Gerhard Lux vom Deutschen Wetterdienst sagte, langer Dauerregen im Frühling oder Sommer nehme statistisch gesehen nicht zu. Der Wasser-Experte Sebastian Schönauer vom Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland meinte, die Hochwasserkatastrophe wäre weniger schlimm ausgefallen, wenn den Flüssen in den vergangenen Jahren mehr natürlicher Raum gegeben worden wäre.

HOCHWASSERSCHUTZ: Der Vorsitzende des Naturschutzbundes Deutschland (NABU), Olaf Tschimpke, sagte dem Handelsblatt Online: «Die Regierungskoalition in Berlin hat sich im Koalitionsvertrag zum Ziel gesetzt, natürliche Auen zu reaktivieren und Flusstäler zu renaturieren, hier ist nicht viel passiert.» Die Vorsitzende der Linkspartei, Katja Kipping, verlangte im «Tagesspiegel» (Mittwoch) eine Aussetzung der Schuldenbremse, um Schäden beheben und «ordentlich Hochwasserschutz und Klimaschutz betreiben» zu können. Bayerns Ministerpräsident Horst Seehofer (CSU) kündigte an, mehr Geld für den Hochwasserschutz zur Verfügung zu stellen.

WIRTSCHAFT: Bundeswirtschaftsminister Philipp Rösler (FDP) will am Mittwoch mit fünf Spitzenverbänden der Wirtschaft über rasche Hilfen für betroffene Betriebe sprechen. Bundeslandwirtschaftsministerin Ilse Aigner (CSU) kündigte zusätzliches Geld für Bauern an. Das Hochwasser dürfte allein an Straßen und Schienen Schäden von mehr als 100 Millionen Euro verursacht haben. «Ich rechne mit Kosten im dreistelligen Millionenbereich», sagte Bundesverkehrsminister Peter Ramsauer (CSU). Für genaue Zahlen sei es noch zu früh.

TSCHECHIEN: Die Moldau erreichte in Prag ihren Höchststand. Am Dienstagmorgen rauschten nach Behördenangaben 3210 Kubikmeter Wasser pro Sekunde den Fluss hinab – normal sind 150. Die Lage wurde weiter als sehr ernst beschrieben. Mobile Schutzwände bewahrten die Prager Altstadt vor einer Überschwemmung, sie hielten dem Druck der Fluten stand. Das steigende Grundwasser bedrohte aber die historischen Bauten. Der U-Bahn-Verkehr blieb eingestellt.

ÖSTERREICH: An der Donau in Österreich wurden 11,15 Meter hohe Schutzwände errichtet. Ungeschützte Orte standen schon unter Wasser. Der Regierungschef von Oberösterreich, Josef Pühringer, kritisierte Deutschland: Das Hochwasser sei in den Prognosen unterschätzt worden, man sei abhängig vom Nachbarland: «Die Situation, die wir in Passau haben, ist von Bayern nicht vorhergesagt worden.»

dpa