Georg Ratzinger zum 90. Geburtstag

Kommende Woche hat Papstbruder Georg Ratzinger seinen 90ten Geburtstag. Gefeiert wird eher bescheiden, aber immerhin mit einem Papst. An seinem 90. Geburtstag ist der frühere Regensburger Domkapellmeister und Domspatzen-Chef Georg Ratzinger bei seinem Bruder, dem emeritierten Benedikt XVI., im Vatikan.

Wenn Georg Ratzinger während eines Rom-Aufenthalts ins Krankenhaus muss, bekommt er prominenten Besuch. So geschehen wieder dieser Tage, als der einstige Regensburger Domkapellmeister wie schon 2005 mit Herzproblemen in der berühmten Gemelli-Klinik lag und sein Bruder am Krankenbett vorbeischaute, der emeritierte Papst Benedikt XVI.. Römischen Medien war die Visite des alten Mannes in der weißen Soutane sogleich eine Nachricht wert, denn seit seinem Rücktritt verlässt Benedikt den Vatikan kaum noch. Inzwischen ist der Priester und Musiker Georg Ratzinger aber wieder gesund und erholt sich am Altersruhesitz des Papstes. Am 15. Januar feiert er dort seinen 90. Geburtstag.

Mit 81 Jahren war er schon ein alter Mann, als sich sein Leben noch einmal grundlegend ändern sollte. Von einem auf den anderen Tag – es war der 19. April 2005 – wurde Georg Ratzinger der Bruder des Papstes. «Ich hatte gehofft, dass der Kelch an ihm vorübergeht», sagte er damals und fügte fast trotzig hinzu: «Auch wenn mein Bruder nun Papst ist, er bleibt für mich der Joseph.»

Die Geschwister telefonieren seitdem weiterhin mehrmals die Woche miteinander, der ältere besucht den jüngeren regelmäßig in Rom. Als Benedikt 2006 nach Bayern kam, kehrte er auch im Regensburger Haus des Bruders ein. Den historischen Rücktritt «des Joseph» vom Amt des Papstes am 11. Februar 2013 kommentierte Georg Ratzinger eher nüchtern. «Das Alter drückt», sagte er, als die sensationelle Nachricht um die Welt ging.

Georg und Joseph Ratzinger – beide wurden am 29. Juni 1951 im Freisinger Dom zu katholischen Priestern geweiht – verbindet seit jeher ein enges Verhältnis. Sie ähneln sich nicht nur durch das schlohweiße Haar und den gebückten Gang: Beide sind tiefgläubig, aber auch hochmusikalisch und kunstsinnig. Während der jüngere nach dem Theologiestudium rasch als Kirchengelehrter von sich reden machte und zum Konzilsberater aufstieg, studierte der drei Jahre ältere zusätzlich Musik und wurde 1964 Domkapellmeister in Regensburg.

In dieser Funktion leitete er 30 Jahre lang die Domspatzen. Ratzinger führte den berühmten Knabenchor zu Konzertreisen in alle Welt. In seine Ära fielen 1976 die Feiern zum tausendjährigen Bestehen des Chores. «Der liebe Gott hätte mir keine schönere Aufgabe geben können», blickte der Honorarprofessor einmal auf seine Doppelberufung als Priester und Kirchenmusiker zurück.

Als vor vier Jahren die teils lange zurückliegenden Misshandlungen in kirchlichen Internaten bekanntwurden, gestand Georg Ratzinger, vereinzelt Chorknaben geohrfeigt zu haben. Andere Sänger nahmen ihn jedoch gegen Prügelvorwürfe in Schutz.

Seine Kindheit schildert Ratzinger als entbehrungsreich, aber glücklich. Geboren am 15. Januar 1924 in Pleiskirchen nahe dem Wallfahrtsort Altötting, erlebte er Wanderjahre durch mehrere Orte in Oberbayern – der Vater wurde als Gendarm oft versetzt. Im Knabenseminar Traunstein wurde er schon als Jugendlicher auf das Priesteramt vorbereitet. Nach dem Kriegsdienst in der Wehrmacht der Nazis studierte er von 1946 an katholische Theologie in Freising.

Neben der Pflege der alten Musik begeisterte sich Ratzinger vor allem für die romantische Chorliteratur. Konzertbesucher schwärmen noch heute von dem «Gänsehautgefühl», das sich bei seiner Interpretation etwa des «Ave Maria» von Anton Bruckner einstellte. Dass die Motetten und Messen des lange vergessenen Liechtensteiner und späteren Münchner Komponisten Joseph Gabriel Rheinberger (1839-1901) heute wieder öfter zu hören sind, gilt als Verdienst Ratzingers, der dessen Kompositionen regelmäßig aufführte.

Nach seinem Ruhestand trat Ratzinger 1994 in das Regensburger Kollegiatstift St. Johann ein. Wegen eines Augenleidens kann er kaum noch sehen. Auch das Gehen fällt ihm zunehmend schwer – Treppenlift und Rollator erleichtern das Leben. In seinem Haus unweit des Domes bekommt er nach wie vor viel Besuch. Besonders freut ihn, wenn ehemalige Domspatzen vorbeischauen und ihm aus Büchern vorlesen oder bei der Korrespondenz helfen.

Große Feiern wie noch zu seinem 85. Geburtstag wird es dieses Mal nicht geben. Vor fünf Jahren führten die Domspatzen unter Leitung von Ratzingers Nachfolger Roland Büchner in der Sixtinischen Kapelle in Rom Wolfgang Amadeus Mozarts Messe in c-Moll für Soli, Chor und Orchester auf – ein Lieblingswerk der Ratzinger-Brüder. Papst Benedikt XVI. war unter den Zuhörern. Den 90. Geburtstag feiert der Priester und Musiker im Vatikanstaat ohne Aufsehen. Er bleibt den Tag über im Haus des emeritierten Papstes.

Nach Georg Ratzingers Rückkehr aus Rom zelebriert der Regensburger Bischof Rudolf Voderholzer am 19. Januar im Dom zusammen mit dem Jubilar einen Gottesdienst. Natürlich werden die Domspatzen zu Ehren ihres früheren Leiters singen – nicht irgendetwas, sondern die vom Geburtstagskind im Jahr 2000 komponierte «Missa L’anno santo».

 

dpa