«Es geht ihm gut»: Papst-Bruder sieht Benedikts Abschied im Fernsehen

Der Papst und sein Bruder – seit jeher sind Joseph und Georg Ratzinger eng verbunden. Beide sehen sich regelmäßig. Den letzten großen Auftritt von Benedikt XVI. schaute sich der in Regensburg lebende ältere Bruder aber lieber daheim im Fernsehen an.

Wieder saß er vor dem Fernseher und schaute auf «den Joseph». So nennt Georg Ratzinger seinen Bruder, der seit fast acht Jahren Benedikt XVI. heißt und am Mittwoch seinen letzten großen Auftritt als Papst hatte. Obwohl die Augen nicht mehr recht mitmachen, wollte der 89-Jährige in Regensburg möglichst viel von der Generalaudienz des scheidenden Kirchenoberhauptes auf dem Petersplatz sehen. «Es war sehr berührend», sagte der Prälat anschließend der Nachrichtenagentur dpa. «Es herrschte eine wehmütige Stimmung.» Und Georg Ratzinger fügte mit Blick auf die angeschlagene Gesundheit des demnächst emeritierten Papstes beruhigend hinzu: «Es geht ihm gut.»

Auch am Abend des 19. April 2005 hatte Georg Ratzinger vor dem Fernseher gesessen und gebannt auf den Petersplatz geschaut, als es «Habemus papam» hieß und der Kardinalprotodiakon den Namen des neuen Papstes verkündete: Joseph Ratzinger. Von einer auf die andere Sekunde kreidebleich geworden, sackte der damals 81-Jährige in seinem Stuhl zusammen. «Er ist vor dem Fernseher versunken und sagt kein Wort», berichtete seine Haushälterin Agnes Heindl damals. «So habe ich ihn noch nie erlebt.» Dass ausgerechnet sein Bruder Papst werden und damit jedes Privatleben verlieren sollte, hatte ihn schockiert.

Doch dieses Mal saß der alte Mann mit dem schlohweißen Haar wesentlich entspannter vor dem Fernseher. «Trotz einer gewissen Rührung hat das Positive überwogen», sagte Georg Ratzinger nun über den letzten großen Auftritt seines Bruders als Papst. Die Anwesenheit der vielen Gläubigen auf dem Petersplatz habe die katholische Kirche wie «eine große Familie» erscheinen lassen. Sein Bruder sei «relativ gut disponiert» gewesen, bescheinigte Georg Ratzinger seinem engsten Verwandten, «obwohl ihm die innere Anteilnahme anzusehen war».

Wer unmittelbar nach der Wahl Joseph Ratzingers zum Papst auf die Worte des langjährigen Regensburger Domkapellmeisters gehört hatte, konnte schon damals Zweifel an der Belastbarkeit des Kirchenmannes heraushören: «Ich hatte geglaubt, dass die nicht ganz so stabile Gesundheit meines Bruders die Kardinäle bewogen hätte, einen etwas Jüngeren zum Papst zu wählen», sagte Georg Ratzinger seinerzeit.

Zum letzten Auftritt Benedikts XVI. auf dem Petersplatz kam der 89-Jährige nicht eigens nach Rom. «Mein Bruder hätte an dem Tag gar keine Zeit für mich gehabt», begründete Ratzinger sein Fernbleiben. Bei der feierlichen Amtseinführung am 24. April 2005 war er freilich dabei gewesen. Sein nächster Besuch beim dann schon emeritierten Papst in der Sommerresidenz Castel Gandolfo ist für Mitte April geplant.

An einen nochmaligen Gegenbesuch seines Bruders bei ihm in Regensburg glaubt Georg Ratzinger nicht. «Der Joseph» werde nicht mehr nach Deutschland kommen, ist sich der langjährige Leiter der Regensburger Domspatzen sicher, auch wenn Ministerpräsident Horst Seehofer (CSU) dem Papst am Mittwoch persönlich im Vatikan eine Einladung aussprach. Als Benedikt XVI. im Jahr 2006 Bayern besuchte, kehrte er für einige Stunden im Haus von Georg Ratzinger ein.

So wird der ältere Bruder den jüngeren auch weiterhin mehrmals im Jahr in Rom besuchen, schon bald in dessen neuem Domizil, einem umgebauten Kloster im Vatikan. Für beide wird dort Platz sein. Denn Georg Ratzinger weiß: «Ich bekomme ein eigenes Zimmer.»

# dpa