Fr., 26.04.2019 , 11:54 Uhr

Pösing: Kapelle sorgt für Empörung

Die Franz-Graf-Kapelle in Pösing im Landkreis Cham ist mehr als ein Ort zum stillen Gebet. Sie steht für politischen Protest, sie provoziert. Ihr Erbauer hat hier seine Kritik an Schwangerschaftsabbrüchen in Stein gemeißelt und vergleicht Abtreibung mit dem Holocaust. Nun ist der Protest groß.

2008 wurde die Kapelle eingeweiht. Landwirt Franz Graf hat sie sich zu seinem 50. Geburtstag gleichsam selbst geschenkt. Sie steht am Waldrand auf einer Anhöhe - ein idyllisches Fleckchen Erde.

In der Kapelle und auf einem Gedenkstein davor bezeichnet Graf Abtreibung als "größten Völkermord in der Geschichte der Menschheit" sowie als " 'Holocaust' an ungeborenen Kindern". Außerhalb der Region hat davon bislang kaum jemand Notiz genommen. Als der Landwirt im Sommer 2018 eine Feier zum zehnjährigen Bestehen seiner Kapelle abhält, an der auch der stellvertretende Landrat Markus Müller teilnimmt, werden die beiden Vorsitzenden des Kreisverbandes der Linken in Cham auf den Holocaust-Vergleich aufmerksam.

Marius Brey und Eva Kappl fordern den Mann auf, die entsprechenden Inschriften zu entfernen. Sie erstatten Strafanzeige wegen Volksverhetzung. Die Staatsanwaltschaft Regensburg stellte das Verfahren ein, weil es sich um eine freie Meinungsäußerung handele. «Der Beschuldigte will offensichtlich provozieren und Aufmerksamkeit auf das Thema Abtreibung lenken», heißt es im Antwortschreiben der Staatsanwaltschaft.

Dem Protest der Linken schloss sich unter anderem auch der Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, Josef Schuster, an. In der Zeitung taz sagte er: "Mit dem entsetzlichen Vergleich in der Franz-Graf-Kapelle wird die Singularität des Holocaust negiert und der Massenmord an den europäischen Juden relativiert." Ein Sprecher der neu gegründeten Recherche- und Informationsstelle Antisemitismus Bayern (RIAS Bayern) kritisierte die Kapelle als antisemitisch.

Graf rückt trotz aller Empörung nicht von seiner Einstellung ab:

"Ich sage klipp und klar: Der Kindermord in Abtreibungskliniken - vom zweiten Monat an bis kurz vor der Geburt - steht in der Masse und Grausamkeit Auschwitz in nichts nach. Bei dem Satz bleibe ich und dazu stehe ich."

Tatsächlich ist in Deutschland der Schwangerschaftsabbruch in der Regel nur bis zur zwölften Schwangerschaftswoche straffrei, sofern sich die Frau zuvor beraten ließ.

Graf sagt, er habe sich schon als Jugendlicher mit dem Thema befasst. Anlass sei das Magazin Stern gewesen mit seiner Schlagzeile «Wir haben abgetrieben». Einige Jahre später habe er sich vorgenommen, zu seinem 50. Geburtstag eine Kapelle im Gedenken an abgetriebene Kinder zu errichten. Kinder würden bei lebendigem Leib zerstückelt und Ärzte - die Graf als "Mörder" bezeichnet - dafür bezahlt. Er wolle sich später nicht vorwerfen lassen: "Warum habt Ihr geschwiegen." Auch hier zieht Graf im Gespräch einen Vergleich mit Auschwitz und der millionenfachen Ermordung von Juden.

 

Die Kapelle ist ein massiver Bau mit Holzkuppel und mehreren Sitzplätzen. Auf mehreren Holz- und Steintafeln schildert Graf in Wort und Bild das Vorgehen bei Schwangerschaftsabbrüchen. "Wer sich die Kapelle nicht anschauen will, muss das nicht tun." Beim Bau sei er von Menschen aus dem Ort tatkräftig und auch finanziell unterstützt worden.

Zur Kritik der Linken an Müllers Teilnahme an der Gedenkfeier sagt ein Amtssprecher, der Landrat und sein Stellvertreter distanzierten sich "eindeutig von der Gleichstellung von Abtreibung mit dem Holocaust und mit Massenmord, wie dies Herr Graf tue". Müller habe an der Feier in der Anti-Abtreibungskapelle teilgenommen, um "bei diesem schwierigen gesellschaftlichen Thema Präsenz zu zeigen und sich nicht als Behörde zu verstecken".

Brey geht das nicht weit genug, zumal Müller Graf in seiner Ansprache für die "wunderbare Kapelle» seinen «allerhöchsten Respekt" gezollt haben soll. Der Protest richtet sich jedoch nicht nur gegen das Landratsamt, sondern auch gegen das Bistum Regensburg, das sich von der Kapelle distanzieren müsse.

 

Ein Sprecher teilt dazu mit: "Im 20. Jahrhundert wurden Menschen massenhaft getötet. Diese Verbrechen sollen in ihrer Einzigartigkeit betrachtet werden - gleich ob es sich um die Taten der Nationalsozialisten oder der Kommunisten handelt. Wir halten es nicht für sinnvoll, die millionenfache Tötung ungeborener Kinder, die in unserer Zeit geschieht, gleichzusetzen." Dennoch sei Grafs Grundanliegen, das "unantastbare Lebensrecht jedes Menschen zu verteidigen", zu unterstützen.

In Pösing selbst sei die Kapelle kein großes Thema, sagt eine Anwohnerin. "Sie steht ja schon seit zehn Jahren da." Franz Graf wollte wohl, dass sich die Menschen mit dem Thema befassen, sagt sie. Das ist ihm gelungen.

 

Pressemitteilung dpa

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