Di., 19.12.2023 , 09:55 Uhr

Papst macht Weg für Segnung homosexueller Paare frei

Es ist bislang eine der großen Streitfragen der katholischen Kirche. Nun gibt Papst Franziskus eine weitreichende Antwort: Erstmals erlaubt der Vatikan die Segnung gleichgeschlechtlicher Paare – wenn auch nur unter Bedingungen. Aus Deutschland kommt Applaus und Kritik.

Papst Franziskus hat den Weg für die Segnung gleichgeschlechtlicher Paare durch die katholische Kirche freigemacht – allerdings nur unter strikten Bedingungen. Dies geht aus einem Schreiben zur Glaubenslehre hervor, das der Vatikan am Montag in Rom veröffentlichte. Darin ist nach offizieller deutscher Übersetzung von der «Möglichkeit der Segnung von Paaren in irregulären Situationen und von gleichgeschlechtlichen Paaren» die Rede.

So weitreichend die Entscheidung auch ist: Der Vatikan ist keinesfalls bereit, homosexuelle Partnerschaften mit einer herkömmlichen Ehe gleichzustellen. Auch kirchliche Hochzeiten zwischen Mann und Mann oder Frau und Frau sind weiterhin nicht erlaubt.

 

Die Frage, ob gleichgeschlechtliche Paare einen Segen bekommen dürfen, gehört zu den großen Streitfragen der katholischen Kirche. Im Gegensatz zum Papst, der sich früher schon offen dafür gezeigt hatte, lehnen viele konservative Geistliche dies strikt ab. In Deutschland werden Segensfeiern für homosexuelle Paare in vielen Gemeinden heute schon praktiziert, bislang allerdings in einer kirchenrechtlichen Grauzone. Vom Vorsitzenden der Deutschen Bischofskonferenz, Georg Bätzing, kam am Montag Lob. Das Erzbistum Köln unter dem erzkonservativen Kardinal Rainer Maria Woelki hatte kürzlich noch einen Geistlichen gemaßregelt.

Die Erklärung mit dem Titel «Fiducia supplicans» (in etwa: «Flehendes Vertrauen») wurde vom vatikanischen Amt für die Glaubenslehre veröffentlicht, eine der zentralen Behörden des Kirchenstaats. Als Oberhaupt der katholischen Kirche hatte sie Franziskus zuvor ausdrücklich gebilligt. Das Schreiben trägt auch seine Unterschrift. Verfasst wurde es von Kardinalpräfekt Victor Manuel Fernández, der wie der Papst aus Argentinien kommt.

 

Die Grenzen der Entscheidung

In der «Erklärung über die pastorale Sinngebung von Segnungen» wird grundsätzlich zwischen verschiedenen Formen der Segnung unterschieden. Dabei macht der Vatikan deutlich, dass rituelle Segnungen oder alles, was auch im Entferntesten einer Hochzeit ähneln könnte, für gleichgeschlechtliche Paare weiterhin nicht infrage kommen. Alle Riten und Gebete, die Verwirrung stiften könnten, seien unzulässig. Eine Ehe sei die «ausschließliche, dauerhafte und unauflösliche Verbindung zwischen einem Mann und einer Frau, die von Natur aus offen ist für die Zeugung von Kindern».

Es gebe jedoch die Möglichkeit, auch Menschen zu segnen, die sich nicht an der christlichen Morallehre ausrichte. «Jeder Mensch, auch wenn er in Situationen lebt, die nicht dem Plan des Schöpfers entsprechen, besitzt positive Elemente, für die er den Herrn loben kann.» Bei einer spontanen Bitte – «sei es auf Wallfahrten, an Wallfahrtsorten oder sogar auf der Straße» – dürfe ein Priester Segen spenden. «Niemand darf ausgeschlossen werden».

 

Die Abkehr vom klaren Nein

Franziskus selbst hatte bereits im Herbst in einem Brief an mehrere Kardinäle erkennen lassen, dass er Segnungen für homosexuelle Paare nicht grundlegend ablehnt. Wer einen Segen wolle, erbitte im Vertrauen auf Gott dessen Hilfe, um besser leben zu können. Offizielle Regelungen – beispielsweise durch Bistümer oder Bischofskonferenzen – lehnte der Papst auch damals schon ab. Mit der jetzigen Erklärung vollzog er einen Kurswechsel. Noch vor zwei Jahren – also auch schon in Franziskus‘ Amtszeit – hieß es, Segnungen für homosexuelle Partnerschaften seien «nicht erlaubt.

 

Kehrtwende kurz nach hohem Geburtstag

Der Papst feierte am Sonntag seinen 87. Geburtstag. Trotz gesundheitlicher Probleme machte er mehrfach klar, dass er im Unterschied zum deutschen Vorgänger Benedikt XVI. nicht abtreten will. Franziskus hat auch eine Weltsynode auf den Weg gebracht, die derzeit über Veränderungen berät. Die möglicherweise abschließende Versammlung ist für Oktober geplant. In zehn Jahren Pontifikat hat Franziskus viele Hoffnungen auf größere Reformen bislang enttäuscht.

Die Zulassung von Segensfeiern für gleichgeschlechtliche Paare war auch eine der Hauptforderungen für den deutschen Reformprozess Synodaler Weg. Bischof Bätzing aus Limburg lobte die Entscheidung des Papstes mit den Worten: «Die Praxis der Kirche kennt eine Vielzahl von Segensformen. Es ist gut, dass nun dieser Schatz für die Vielfalt von Lebensmodellen gehoben wird.»

 

«Es gibt nur Liebe»

Der Queer-Beauftragte der Bundesregierung, Sven Lehmann, sprach von einem «längst überfälligen Signal». Allerdings bleibe die Unterscheidung in reguläre und irreguläre Partnerschaften diskriminierend. «Es gibt keine Liebe erster und zweiter Klasse», sagte der Grünen-Politiker der Deutschen Presse-Agentur. «Es gibt nur Liebe.» Der Bund der Deutschen Katholischen Jugend forderte ebenfalls die «Ehe für alle Paare».

 

 

Christoph Sator und Robert Messer, dpa / MB

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