Mi., 15.11.2017 , 09:55 Uhr

Kreiswerketag Cham: Mobilität wird neu erfunden

Haben wir in 10 Jahren alle noch unser eigenes Fahrzeug? Oder läuft der Personentransport nur über spezielle Apps auf dem Smartphone? Wir werden uns an völlig neue Verkehrskonzepte gewöhnen müssen. Unser Verkehrssystem wird im Rahmen der digitalen Revolution von unten her aufgerollt. Mit diesen Thesen erschütterte Prof. Wolfgang Dorner im Rahmen eines Vortrages die Zuhörer beim Kreiswerketag in Waldmünchen.

Das deutsche Denken geht eher in die Richtung, gute und erfolgreiche Produkte zu bewahren und zu verbessern. Amerikanisches Denken sucht den Ansatz im Mehrwert für den Kunden, auch wenn dabei Altbewährtes zerfallen muss. So gesehen ist Innovation ein „Prozess der schöpferischen Zerstörung“, wie es der österreichische Nationalökonom Joseph Schumpeter bereits 1912 definierte.

Aus Ideen und Erfindungen werden Produkte, Dienstleistungen oder Verfahren, die erfolgreich Anwendung finden, bzw. den Markt durchdringen. Ein Beispiel dafür ist die Langspielplatte. Diese für Ihre Zeit hervorragende Entwicklung wurde abgelöst durch die CD, dann kam der MP-3-Player und heute hat jeder auf seinem Mobiltelefon alle Musik der Welt zur Verfügung. Die hervorragende analoge Wiedergabequalität der LP spielt dabei aus marktwirtschaftlichen Gründen keine Rolle mehr. Prof. Dorner spricht hier von disruptiver Innovation. Diese beschreibt einen Prozess, bei dem ein Produkt oder eine Dienstleistung anfänglich in einfachen Anwendungen am unteren Ende eines Marktes Fuß fasst und dann unaufhaltsam den Markt aufrücken lässt und schließlich etablierte Wettbewerber verdrängt. Ein sehr gutes Beispiel dazu ist auch die Fa. Kodak. In diesem Unternehmen wurden sowohl Filmmaterial als auch Kameratechnik perfektioniert, doch im Zuge der Innovation hat die digitale Fotografie die klassische Filmtechnik in der Versenkung verschwinden lassen.

Wir befinden uns bereits mitten in dieser Entwicklung. Sehr bekannt ist inzwischen die Privattaxi-Plattform „Uber“. Uber besitzt kein einziges Taxi sondern bietet lediglich über eine App die Verknüpfung von Fahrtanbietern  zu Transport-Suchenden. Gleiches bei Flix-Bus: Das Unternehmen hat nur einen einzigen eigenen Bus, vernetzt aber 150 deutsche Busunternehmen, die für Flix-Bus fahren. Doch nicht nur das, die Fa. Google bietet unter der Dachmarke „Alphabet“ in USA die ersten fahrerlosen Taxis an. Hier rollt eine Welle auf uns zu deren Auswirkungen noch gar nicht abzuschätzen sind.

Der amerikanische Wirtschaftsingenieur Robert Metcalfe erkannte bereits in den 1970er Jahren, dass der Nutzen eines Netzwerks proportional zur Anzahl der möglichen Verbindungen zwischen den Teilnehmern wächst. Die Kosten dagegen wachsen nur proportional zur Teilnehmerzahl. Dies komme Handelsplattformen wie z.B. amazon oder ebay zugute, da hier ein Mehrwert für Käufer und Verkäufer gegeben sei, allein schon wegen der Empfehlungsmöglichkeiten aber auch durch die multifunktionale Präsentationstechnik.

Im Bezug zur Mobilität bedeute das, dass sich zwischen die klassischen Hersteller von Kraftfahrzeugen klammheimlich Dienstleister der Mobilitätsvermittlung drängen, die zunächst relativ unbemerkt agieren können. Im Laufe der Zeit erlangen diese aber eine gewisse Marktmacht, die den Automobilherstellern die Absatzzahlen in den roten Bereich treiben. Denn wenn ein Teil der Fahrzeuge in seiner Nutzung ausgelastet ist und deutlich weniger Standzeiten hat, sei die Konsequenz, dass weniger Fahrzeuge insgesamt benötigt würden. Man spreche inzwischen von der „Dematerialisation“ im Automobilbereich.

Wozu die moderne Mobilfunktechnik noch in der Lage sei, zeige die Anwendung „Whats App“. Der „Plopp“ bei einer neuen Nachricht  als auch der kleine orange Kreis im Display mit der Zahl der erhaltenen Nachrichten fesseln die Aufmerksamkeit des Nutzers. Im Fachjargon wird hier von „Captology“ gesprochen, eine Wortschöpfung, die so viel bedeute wie „computerunterstütze überzeugende Technologie“. Der Nutzer werde zunehmend zu einem gewissen Verhalten angestupst.

Es liegt in der Natur des Menschen, den einfacheren Weg zu gehen. Wenn sich eine Möglichkeit bietet, Unannehmlichkeiten wie Parkplatzsuche und Parkgebühren zu vermeiden aber dennoch keinen Mobilitätsverlust zu erleiden, werden Betroffene über kurz oder lang auf das Eigentum eines Fahrzeugs verzichten. Die Möglichkeiten von Plattform- und Technikangeboten werden zeigen, was sich in Zukunft als praktikabel erweisen wird.

 

pm/LS

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