Di., 05.05.2015 , 09:29 Uhr

Ansturm auf neunjähriges Gymnasium überrascht Staatsregierung

Riesen-Ansturm auf das neunjährige Gymnasium: An den 47 Pilotschulen in Bayern wollen im Schnitt rund 60 Prozent der Schüler die um ein Jahr verlängerte Mittelstufe plus besuchen. Das sagte Kultusminister Ludwig Spaenle (CSU) am Montag auf Anfrage am Rande seines Prag-Besuchs. Die Unterschiede zwischen den einzelnen Gymnasien sind allerdings enorm: An einzelnen Schulen hätten sich nur etwa 20 Prozent der Siebtklässler für die längere Variante entschieden, an anderen Schulen dagegen rund drei Viertel, sagte Spaenle in einem Telefonat mit der Deutschen Presse-Agentur.

Die Nachfrage übersteigt die Erwartungen der Staatsregierung damit um mehr als das Doppelte: Das Ministerium hatte wiederholt erklärt, dass man von einem Bedarf von rund 25 Prozent der Gymnasiasten ausgehe.

Der Schul-Experte der SPD-Landtagsfraktion, Martin Güll, sagte: „Die Abstimmung mit den Füßen zeigt, welches Gymnasium die Familien tatsächlich wollen.“ Er selbst wisse von einer Modellschule in Dillingen, dass sich dort sogar 90 Prozent der Eltern für die längere Schulzeit ausgesprochen hätten.

Der bildungspolitische Sprecher der Landtags-Grünen, Thomas Gehring, sieht die Entwicklung als Zeichen großer Unzufriedenheit der Schüler und Eltern mit der momentanen Unterrichtssituation an den bayerischen Gymnasien. „Schon in der sechsten Klasse ist der Druck enorm, so dass an den 47 Pilotschulen eben doch die Mehrheit der Betroffenen versucht, in eine neunjährige Gymnasiallaufbahn zu wechseln.“

Das neue Modell, bei dem Schüler die Mittelstufe in vier statt in drei Jahren durchlaufen, soll ab kommendem Schuljahr an den 47 Schulen erprobt werden. Grundsätzlich haben Ministerpräsident Horst Seehofer (CSU) und Spaenle versprochen, dass der Zugang dazu nicht willkürlich begrenzt wird. Voraussetzung ist ein „pädagogischer Bedarf“; doch ein solcher Bedarf soll auch mit einem Auslandsjahr oder besonderem Engagement neben der Schule begründet werden können.

Spaenle kündigte angesichts der nun vorliegenden Anmeldezahlen an, dass die «Mittelstufe plus» bis Ende Mai im Rahmen der normalem Unterrichtsplanung von den betreffenden Schulen umgesetzt werde. Einen vorgegebenen „Deckel“ für den Zugang zur verlängerten Mittelstufe gebe es nicht, hieß es aus dem Ministerium. Seehofer hatte zuletzt zudem klargestellt, dass die auf zwei Jahre angelegte Pilotphase nicht am Geld scheitern wird: „Wenn die Bevölkerung sich in diesem Ausmaß entscheidet, werden auch die notwendigen Ressourcen zur Verfügung gestellt“, hatte der CSU-Chef Ende April zum Abschluss einer CSU-Vorstandsklausur im Kloster Andechs bei München betont.

Die 47 Pilotschulen waren in einem regionalisierten Verfahren ausgewählt worden – unter insgesamt 71 Bewerbungen. Aus der Landeshauptstadt München ist keine einzige dabei – weil sich keine beworben hatte. Man habe niemandem eine Bewerbung aufdrücken wollen, erklärte das Ministerium. Die Pilotphase ist auf zwei Jahre angelegt, um ausreichend Erfahrungen sammeln zu können. Anschließend soll das Modell dann auf weitere Schulen im Freistaat ausgeweitet werden.

Günther Felbinger (Freie Wähler) erklärte, die Prognosen seiner Fraktion hätten sich bestätigt. «Die jetzige Entwicklung zeigt, wie weit Spaenles Bildungsministerium inzwischen von den Erwartungen der Schüler, Lehrer und Eltern im Freistaat entfernt ist», sagte er. „Deshalb muss nun allen Interessierten so schnell wie möglich der Zugang zu einer neunjährigen Gymnasialform ermöglicht werden.“

 

dpa / lby

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