«Ein echtes Problem» – lahmes Internet auf dem Land

Von Sophie Rohrmeier, dpa

In der Abgeschiedenheit leben sie freiwillig, hier war der Baugrund günstig: in Schlamberg, einem Ortsteil von Rottenburg an der Laaber in Niederbayern. Birgit und Hubert Heinrich, 33 und 34 Jahre alt, haben gerade ein Kind bekommen und ein Haus gebaut. Das achte Haus im Dorf. Außer einem Gasthof gibt es hier nichts. Das war beiden bewusst. Aber dass sie auch digital in der Pampa leben, wurmt sie gehörig. Gerade in winzigen Orten stoßen die Förderprogramme in Bayern bisher oft an ihre Grenzen.

Platz 100 984 von 105 912: Das ist der Rang, den die Heinrichs an diesem Nachmittag belegen. Von 105 912 Menschen, die in jener Woche auf einer Service-Webseite testen, wie schnell ihr Internet wirklich ist, landet die junge Familie ganz weit hinten. «Wie kann das sein, in einem Land wie Deutschland?», fragt Birgit Heinrich. Das Paar sitzt am Esstisch vor dem Laptop, er ist Prozessentwickler bei einem Autozulieferer, sie Patenanwaltsfachangestellte. Die beiden sind gewiss nicht abgehängt. Nur ihre Verbindung ins heute zentrale Kommunikationsnetz läuft wie in alten Zeiten.

Das Internet gilt als Medium, das die Chancengleichheit fördert und regionale Unterschiede ausgleicht. Doch Deutschland hinkt hinterher, vor allem auf dem Land. Der Bund fördert den Ausbau, bis 2018 soll es überall schnelles Internet mit mindestens 50 Megabit pro Sekunde geben, und Bayerns Finanzminister Markus Söder (CSU) wirbt fleißig für sein Breitband-Programm. Im Topf sind 1,5 Milliarden Euro, 97 Prozent der Gemeinden sind dabei. Zudem gibt es den «Höfebonus», 400 Millionen Euro für abgelegene Höfe und Siedlungen. «Auch die letzten weißen Flecken auf der Landkarte Bayerns wollen wir an die Datenautobahn anschließen», sagt Söder. Orte wie Schlamberg.

«Der Gemeinde Rottenburg in Niederbayern stehen damit weitere 920 000 Euro Fördermittel für den Ausbau mit schnellem Internet zur Verfügung, bei einem erhöhten Fördersatz von 80 Prozent», sagt Söder. Schlamberg könnte profitieren.

Nur: Was bedeutet es, wenn Menschen mit dem Internet fremdeln, weil es so lange nicht richtig da war? Die Surf-Geschwindigkeiten ziehen scharfe Grenzen zwischen Stadt und Land. In den Städten hängen die Menschen an Netflix und Co., die Heinrichs wären schon froh, wenn sie mal ein paar Fotos verschicken könnten. Im Netz sein heißt in Berlin-Mitte: digitale Start-ups, social bots und virtual reality. In Schlamberg heißt es: Lädt die Seite noch? Birgit Heinrich ist gerade in Elternzeit, ein bisschen Homeoffice wäre später nicht schlecht. Wenn das Internet nur mitmachen würde.

Nun ist Rottenburg zwar im Söderschen Förderprogramm. Aber Schlamberg lag nicht im Erschließungsgebiet. «Hätte ich es mit drinnen gehabt, dann wäre die Wahrscheinlichkeit hoch gewesen, dass wir keinen Anbieter für den Ausbau gefunden hätten», sagt Rottenburgs Bürgermeister Alfred Holzner (Freie Wähler).

Die Umsetzung des Breitbandausbaus in Bayern ist dem freien Markt überlassen, die Infrastruktur gehört am Ende den Firmen, nicht der Öffentlichkeit. Aber der Anschluss so kleiner Orte lohnt sich für die Anbieter einfach nicht. «Je schöner die Leute leben, desto schwieriger ist die Versorgung», sagt ein Telekom-Sprecher. Ein abgelegenes Acht-Häuser-Dorf anzuschließen, ist komplex und teuer. Ungefähr 70 000 Euro kostet ein Kilometer Glasfaserkabel. Die Rechnung der Unternehmen: Wie viele Kunden lassen sich gewinnen? Wie viele alte Menschen sagen: Internet? Brauch ich nicht.

Nun überlegt die Stadt Rottenburg, den «Höfebonus» oder Fördergeld vom Bund zu beantragen. Nur hatte sie eigenlich damit gerechnet, dass sie schon mit der jetzigen Ausbaustufe auch Schlamberg helfen könnte. Ohne das zusätzliche öffentliche Geld.

Ein neuer Kabelverzweiger im Ausbaugebiet sollte die Glasfaser zumindest näher ranbringen an den Ort, 20 Mbit/s wären es dann vielleicht geworden. Im März 2016 hätte alles fertig sein sollen, sagt Bürgermeister Holzner. Aber: Der Kabelverzweiger steht nicht. Wegen eines verzwickten Streits um Infrastruktur und Daten zwischen der Telekom und dem kleinen Player Amplus, der die Ausschreibung gewonnen hat und den heiß ersehnten Kabelverzweiger bauen soll.

Doch dafür muss die Telekom die Infrastruktur, die sie bereits hat, freigeben. Die Telekom sagt aber, Amplus liefere nicht die korrekten Daten, Amplus widerspricht. Die Stadt sagt, auch im restlichen Erschließungsgebiet haben die Bürger nicht die versprochenen 30 Mbit/s. Amplus sagt: Doch. Ergebnis: Stillstand.

Söder aber sieht den Fortschritt des Ausbaus als Erfolgsgeschichte. «Allein in unseren Förderprojekten werden über 30 000 Kilometer Glasfaserleitungen neu verlegt», sagt er. Sein Ministerium stehe für gleichwertige Lebensverhältnisse und Arbeitsplätze im gesamten Land.

Es mag sein, dass es für die Älteren auf dem Land kein großes Problem ist, wenn das Internet schlecht ist, sagt Birgit Heinrich. «Aber für die Jüngeren ist es eins.»


Video: Zum Beispiel im Landkreis Cham wird viel für den Ausbau getan

dpa/MF