Corona-Krise: Offener Brief der LehramtsstudentInnen zum Staatsexamen

Die Corona-Krise stellt auch die die LehramtsstudentInnen in Bayern vor eine große Herausforderung. Denn genau in dieser Zeit müssten sie eigentlich ihr Staatsexamen ablegen. Doch abgesagte Termine, geschlossene Bibliotheken, fehlende Kinderbetreuung etc. erschweren die aktuelle Lage. Auch viele private Probleme kommen in dieser Zeit hinzu. Rund 1.400 ExamenskandidatInnen aus ganz Bayern haben sich deshalb zusammengeschlossen und einen offenen Brief verfasst. Diesen haben bereits über 600 Studierende unterschrieben. Viele von ihnen haben auch ihre persönliche Situation dargelegt. 

Auch der Bayerische Lehrer- und Lehrerinnenverband e.V. (BLLV) unterstützt die Forderungen der StudentInnen. Trotz zahlreicher Kontaktversuche hat die Gruppe noch keine Antwort vom Kultusministerium erhalten.

 

Die Hauptforderung:

 
"Wahl zwischen einer individuellen Notenzusammensetzung durch bisherige Leistungen und der freiwilligen Entscheidung zum Ablegen"
 
Die Forderung der Gruppe:
 
"Die vom Kultusministerium angesetzten Prüfungstermine werden von allen wie geplant wahrgenommen und dem Korrekturverfahren zugeführt. Den Prüflingen wird jedoch mindestens die Note gegeben, die zum Bestehen des Ersten Staatsexamens erforderlich ist. Das stellt sicher, dass alle Absolventen/innen im Herbst 2020 an den Schulen eingesetzt werden können. Die Möglichkeit der Notenverbesserung am folgenden Prüfungstermin sollte natürlich weiterhin gegeben sein.
 
Diese Lösung betrachten wir als Win-Win-Situation: Den Prüflingen wird Wertschätzung entgegen gebracht, indem man sie in Bezug auf den Bestehensdruck entlastet und gleichzeitig profitieren die Schulen, die Schülerschaft und auch das Bayerische Staatsministerium für Unterricht und Kultus, da junge, motivierte Lehrkräfte in dieser herausfordernden Zeit ins Referendariat starten können. So stünden Ihnen mehr Referendare/innen zur Verfügung, die Lehrerinnen und Lehrer entlasten können, die zur Risikogruppe gehören. Diese Lösung wäre schnell prüfungsrechtlich umsetzbar."

 

Offener Brief zum Staatsexamen 2020:

"Die Prüfungen des 1. Staatsexamen hätten Anfang April bis auf mündliche und praktische Prüfungen bereits abgeschlossen sein sollen. (Allgemeine Info: Neben den Leistungen im Studium und der Ablegung der ersten Staatsexamensprüfung muss in der Lehrerausbildung noch das zweite Staatsexamen nach dem Referendariat abgeschlossen werden.)

Am 18.3. wurden die Prüflinge informiert, dass alle Prüfungen bis auf Weiteres ausgesetzt sind, mit dem Hinweis die Vorbereitungen weiter fortzusetzen. Am 29.4. erhielten wir nach 6 Wochen bangen die Auskunft, dass die Prüfungen ab dem 18.5. in Form einer Stundung der ursprünglichen Prüfungen weitergeführt werden. Ein Staatsexamen (beispielsweise 6 Prüfungen von bis zu 5 Stunden) hat normalerweise eine Vorbereitungszeit von mindestens einem Semester (6 Monaten) auf einen festen Zeitpunkt. Dieser fixe Zeitpunkt dient als mentales und emotionales Ziel.

Stellen Sie sich vor Sie trainieren über Monate hinweg auf einen Marathon. Dieser wird am Tag vorher abgesagt (was unter diesen Umständen verständlich ist). Dann sollen Sie aber weiter trainieren ohne zu wissen, wann der Wettkampf genau stattfindet. Plötzlich bekommen Sie die Information, dass der Wettkampf in zwei Wochen stattfinden soll. Werden Sie an diesem Tag ihre Bestzeit laufen? Sicher nicht. Kommen Sie ins Ziel? Vielleicht.

Durch die aktuelle Ausnahmesituation aufgrund der Pandemie sowie der fehlenden Transparenz und Kommunikation seitens des bayerischen Ministeriums für Unterricht und Kultus sehen wir, die Prüflinge der ersten Staatsprüfung für Lehramt, die Chancengleichheit und vor allem sichere Durchführung der Prüfungen massiv gefährdet. Da das Ministerium seit Wochen weder auf schriftliche Anfragen (z.B. durch den Bayerischen Lehrerinnen und Lehrerverband BLLV) noch individuelle Anfragen durch Einzelpersonen reagiert, wenden wir uns jetzt an die Presse um die Öffentlichkeit auf unsere Situation aufmerksam zu machen:

Wir fordern ein Überdenken und Anpassen der aktuellen Regelungen durch das Kultusministerium. Es kann und darf nicht sein, dass wir in der momentanen Ausnahmesituation genauso behandelt würden als gäbe es keine Pandemie.

Die einzigen Erleichterung, die uns gegeben wird, ist die Möglichkeit mit triftigen Gründen von der Prüfung zurückzutreten (mit der Konsequenz, ein halbes Jahr warten zu müssen und zum nächsten Prüfungstermin anzutreten und in den meisten Fällen bereits abgelegte Prüfungen zu wiederholen).

Durch die momentanen Rahmenbedingungen ist weder eine adäquate Prüfungsvorbereitung möglich, noch dazu wurde uns sechs Wochen lang (im Gegensatz zu den Abiturprüfungen) kein voraussichtlicher Prüfungstermin genannt. Alle Anfragen und Lösungsvorschläge von Seite der Studierenden aus wurden vom Ministerium ignoriert und nicht beantwortet!

Diese Unsicherheit war für die meisten von uns eine starke psychische Belastung in der sowieso schon schwierigen Zeit der Pandemie mit all ihren Einschränkungen des täglichen Lebens wie z.B. Kinderbetreuung, Jobverlust oder Wohnungsverlust.

Viele Prüflinge haben ihr finanzielles Standbein verloren und sind durch die momentane Situation privat sehr belastet. Der Zugang zu Fachliteratur, sowie die Arbeit in Lerngruppen waren aufgrund der Kontaktbeschränkungen nicht möglich.
Hinzu kommt die Belastung aufgrund der Prüfungsgegebenheit selber. Die Examensprüfungen zählen 60% der Gesamtnote des ersten Staatsexamens und können nur einmal wiederholt werden. Bei zweimaligem Nicht-Bestehen kann so ein mitunter fünfjähriges Studium ohne Abschluss beendet werden. Ein Zweitversuch unter den momentanen Bedingungen ist alles andere als vergleichbar mit anderen Prüfungsjahrgängen...

Zu Lösungsansätzen gehören beispielsweise die Bildung einer individuellen Notenzusammensetzung des 1. Staatsexamens aus den über z.B. im Lehramt Gymnasium 280 erbrachten ECTS, sowie alternative Prüfungsformen in Form einer weiteren wissenschaftlichen Arbeit oder die Wertung der Examensprüfungen im Frühjahr als Freiversuch, sodass der ohnehin schon enorme Druck, der auf den Prüflingen lastet, verringert wird.

Die Chancengleichheit bei der Durchführung der diesjährigen Examensprüfung ist aufgrund der aktuellen Ausnahmesituation im Vergleich zu den Vorjahren sicher nicht gegeben. Daher müssen entsprechende Anpassungen des Kultusministeriums erfolgen.

In Baden-Württemberg ist die Situation eine ähnliche. Von Seiten des BLLV wird am Dienstag eine offizielle Pressemitteilung über dieses Thema veröffentlicht.

Bitte helfen Sie uns Gehör zu verschaffen! Wir sind die Lehrerinnen und Lehrer der Zukunft. Die Situation ist für alle schwer. Sie muss aber nicht noch unnötig schwerer gemacht werden.

#dontforgetyourfutureteachers "

 

Einzelschicksale von LehramtsstudentInnen:

Viele ExamenskandidatInnen schildern auch ihre einzelnen Schicksale. Mit welchen Sorgen und Ängsten sie in der Corona-Krise zu kämpfen haben und wie sie aktuell versuchen, diese Situation zu meistern.

 

"Ich bin Mutter von zwei Kindern. Die beiden sind vier Jahre und drei Monate alt. Ich habe mich trotz meiner Schwangerschaft dazu entschieden, das Examen dieses Semester abzulegen, damit ich es hinter mir habe und ab April, wenn meine schriftlichen Prüfungen um sind, wieder mehr Zeit für meine Familie zu haben. [...]

Seit Wochen gibt es keine Kinderbetreuung, die Kitas sind geschlossen und die Kinder mal schnell zu Freunden oder zur Oma bringen, ist in Zeiten des Lockdowns auch nicht möglich. Meine große Tochter kann nicht mit ihren Freunden spielen und ist total unausgelastet und das Baby wird auch immer aktiver und fordert meine Aufmerksamkeit ein. Wann soll man unter diesen Umständen genügend Zeit und Energie zu einer gewissenhaften Prüfungsvorbereitung finden?

Hinzu kommt noch unser Umzug in die dringend benötigte größere Wohnung. Diesen hatten wir zum Juni, also nach den schriftlichen Prüfungen geplant, jetzt findet er genau an dem Wochenende zwischen zwei schriftlichen Prüfungen statt." - Lehramtsstudentin mit Kindern (Uni Regensburg)

 

 

 "Durch die Lernerei in den letzten Monaten rückte das soziale Leben eh schon in den Hintergrund, hinzu kam dann noch die Kontaktsperre und schließlich eine gewisse Isolation. Man ist allein mit seinen Ängsten und fühlt sich, ohne jegliche Information zur Prüfungsfortsetzung vollkommen im Stich gelassen und hilflos.

Während die Kräfte schwinden, steigt die Angst um meine Familie, Freunde und meine finanzielle Situation mehr und mehr an. Meine Eltern befanden sich im Urlaub und wussten nicht, ob sie noch nach Hause fliegen konnten. Mein Opa lag zudem auf Palliativ, meine Oma musste operiert werden und meine Schwester stand 4 Wochen unter Quarantäne, da der Test dementsprechend lange auf sich warten ließ. Außerdem wurden die Bibliotheken geschlossen und sind es nach wie vor, sodass kein Zugang zu prüfungsvorbereitender Literatur mehr möglich war bzw. nach wie vor nicht ist.

Ganz nebenbei verlor ich auch noch meinen Nebenjob, mit dem ich mir mein Studium finanziere. Ich denke es ist offensichtlich, dass unter diesen Umständen keine faire und vergleichbare Prüfungsvorbereitung sowie Durchführung des Examens gewährleistet sind." - Lehramtsstudentin Realschule, Universität Regensburg