© Christine Allgeyer

15. Abensberger Fachtagung im BBW St. Franziskus

Morgens vor dem Spiegel im Bad: Meine Mails und die wichtigsten News werden dort eingeblendet, ich sehe meine Vitalwerte und das ist die Grundlage dafür, was ich heute essen werde. Mein Auto fährt autonom, der Autopilot weiß längst, wohin ich will. Ich mache es mir im Fond bequem und habe meine erste Videokonferenz. Alles läuft gut. Mein Bot, der meine Vorlieben gut kennt, shoppt gerade für mich im Internet …. Diese Szenarien sind Zukunft? Nein, diese Zukunft ist jetzt! So bringt es auch der Titel der 15. Abensberger Fachtagung des Berufsbildungswerkes St. Franziskus auf den Punkt. Kai Goldlach, Zukunftsforscher im Team von 2b AHEAD, Deutschlands größter und innovativster Denkfabrik provoziert mit diesen Bildern zu Beginn des Fachtags, zu dem sich 140 Teilnehmer angemeldet hatten.

Interaktives Event

Über einen QR-Code loggten sich die Teilnehmer zu Beginn der Veranstaltung in das Audience Response Tool Slido ein. Auf ihren Smartphones beantworteten Sie begleitend zu den Vorträgen Fragen. Trends und Einschätzungen des Publikus wurden zeitgleich auf einer großen Leinwand sichtbar. „Wie fühlen Sie sich auf diese (digitale) Zukunft vorbereitet?“ War eine der ersten Fragen und die Teilnehmenden hatten wohl noch Kai Gondlachs Prognosen und Bilder im Kopf. 26 % von ihnen fühlten sich gut vorbereitet, 46 % waren sich nicht sicher und 24 % der Teilnehmenden gaben an, sie fühlten sich schlecht vorbereitet. Die Veranstalter sind mit dieser Form der Interaktion über Smartphones und Tablets absolut up-to-date.

Ebenfalls begleitend zur Veranstaltung konnten die Gäste im IT-Labor mit einer Virtual Reality-Brille in andere Realitäten abtauchen – eine der Testpersonen wünschte sich nach Irland und ging dort in wunderschöner Landschaft spazieren – zwei 3-D-Druckern zusehen oder Alexa den Befehl geben, die Fenster zu kippen, ganz so wie es in einem Smart Home funktioniert, wenn die Alexa-App einem Schaltsystem zur Bedienung z.B. von Rollläden, Fenstern, Lüftungen etc. steuert.

„Der Wandel der Arbeitswelt fordert Einrichtungen der beruflichen Rehabilitation seit Bestehen heraus. Als das B.B.W. in Abensberg vor 40 Jahren an den Start ging, war die angebotene Berufspalette, waren die Lebenswelten der jungen Menschen völlig andere. Wir sind mehr denn je herausgefordert, junge Menschen mit Handicap in Arbeit zu bringen. Das erfordert von uns höchste Flexibilität und beständige professionelle Weiterentwicklung. Wir brauchen aber auch Partner in der freien Wirtschaft, die mit uns an den Chancen der Digitalisierung für Menschen mit Behinderung in der Arbeitswelt ansetzen.“ Michael Eibl, Direktor der Katholischen Jugendfürsorge Regensburg

Walter Krug, Gesamtleiter des B.B.W. St. Franziskus, beobachtet die aktuellen Entwicklungen kritisch. Welche Auswirkungen ergeben sich daraus für Menschen mit Behinderung und deren berufliche Teilhabe? „Das interessiert momentan nur am Rande“, erklärt er, „um Digitalisierung in der Arbeitswelt zu einer Chance für die berufliche Teilhabe behinderter Menschen zu machen, braucht es eine gesellschaftliche Diskussion zwischen Betroffenen, Experten und den Akteuren des digitalen Wandels – ein Austausch, der aktuell nur zögerlich in Gang kommt.“ Mit einer ungeheuren Dynamik verändern sich Berufsfelder, werden alteingesessene Berufe überflüssig und bilden sich neue Qualifikationen heraus. Diese rasante Veränderung ist vorrangig getrieben von neuen technischen Möglichkeiten und wirtschaftlichen Interessen. Wie kann in diesem Umfeld berufliche Teilhabe gelingen? Die 15. Abensberger Fachtagung beleuchtet diese und andere Fragen rund um die Digitalisierung der Arbeitswelt in spannenden Diskussionen und mit fachlichen Impulsen.

Berufliche und soziale Bildung gestalten

Einrichtungen wie das Berufsbildungswerk St. Franziskus in Trägerschaft der Katholischen Jugendfürsorge Regensburg sind Gestalter der beruflichen und sozialen Bildung für junge Menschen mit Handicap. Ihre Aufgabe ist es, sie auf die Arbeits- und Lebenswelt von morgen vorzubereiten. Aber was heißt das eigentlich? Die digitalisierte Arbeitswelt ist charakterisiert durch vernetzte Bezüge. Produktions- und Zulieferprozesse sind vom Einzelteil bis zur Auslieferung beim Endkunden vernetzt und nachvollziehbar – es findet ein steter Informationsaustausch statt. Produktion wird immer schneller und immer unabhängiger von Stückzahlen. Dienstleistung wird mehr und mehr ein Wettlauf mit der Zeit – Hochverfügbarkeit von Ware und die Geschwindigkeit von Zulieferprozessen sind entscheidend für den Erfolg von Unternehmen. Doch auch außerhalb der Arbeit führen digitale Prozesse zu einem rasanten und kontinuierlichen Austausch von Information wie zum Beispiel in sozialen Netzwerken. Das digitale Zeitalter verändert die Lebenswelt junger Menschen massiv. Die „Digital Natives“ werden in einer grenzenlosen Welt groß. Das erfordert neue pädagogische und didaktische Konzepte.

Digitalisierung in der beruflichen Bildung junger Menschen mit Handicap

Entscheidend für die Qualität der Ausbildung ist der Einsatz von Medien und Technologie. CNC-Technologie, Smart gesteuerte Küchengeräte, Online-Shop, Ebay-Verkauf und Kommunikation via What´sApp sind nur einige Beispiele im B.B.W. dafür. Bildungsprozesse und selbstorganisiertes Lernen erfordern neue didaktische Konzepte und Knowhow im Umgang mit Medien. Deshalb wurden und werden die Mitarbeiter*innen im B.B.W. umfassend geschult. Eine E-Learning-Plattform, ein digitales Berichtsheft, die volldigitale Elektrogeräteprüfung, eine virtuelle Sicherheitsunterweisung und Tutorials sind nur weitere Beispiele des digitalen Wandels in der Einrichtung. Auf der Agenda steht darüber hinaus die Digitalisierung des Rehabilitationsprozesses. Hier ist geplant, eine Kommunikationsplattform zu implementieren, auf der alle zentralen Informationen zusammenlaufen und teilnehmerbezogen kommuniziert werden.

Beschleunigte Arbeitsprozesse, eine steigende Automatisierung, die Flexibilisierung von Arbeitszeiten und -orten, komplexer werdende Arbeitszusammenhänge – das fordert junge Menschen mit Behinderung noch mehr heraus als jeden anderen Menschen ohne Teilhabeeinschränkungen. Ihre Chance jedoch sind die neuen Formen und Funktionen von Assistenz und Entlastung, von Kommunikation und Vernetzung sowie Tätigkeiten mit angepassten Zuschnitten. Gerade dies wird für Menschen mit Behinderung künftig von Bedeutung sein.

 

pm/LS